Das Seidenweberhaus erregt die Gemüter

Der Disput um das Seidenweberhaus ist neu entbrannt. Schon 2023 gab es eine Initiative, die sich dafür einsetzte, das Gebäude zu erhalten mit der Argumentation, das sei günstiger als der Ersatz, den der Rat der Stadt beschlossen habe. Zur damaligen Berichterstattung geht es hier.

Nun haben sich drei Initiativen verbündet, um den Abriss doch noch zu kippen. Es sind dies SWH, Stadtkultur und WirStadt. Sie haben eine Petition gestartet und sammeln Unterschriften von Leuten, die sich ihrer Argumentation anschließen. Bei Redaktionsschluss haben sich mehr als 1.100 Unterstützer ihrer Petition auf https://wirstadt.org/ versammelt.

Das Seidenweberhaus stammt aus einer Zeit als brutaler Beton en vogue war, es wurde zwischenzeitlich mit Street Art verschönt, die Initiativen lassen es mit KI sanieren; das sieht zwar gut aus, hilft aber nicht weiter

Die Argumentation für den Erhalt liest sich u.a. so: Das Seidenweberhaus ist mit seiner besonderen Atmosphäre Teil der Krefelder Identität und soll es auch bleiben! Gemeinsam mit dem Theater und der Mediothek bildet es das kulturelle Herz der Innenstadt. Hier finden seit Jahrzehnten kontinuierlich Konzerte, Bühnenveranstaltungen, Tagungen, Ratssitzungen, Märkte und Sportevents statt. Allein in der diesjährigen Karnevalssession gab es hier neun große, saalfüllende Sitzungen! Auch der Festakt der 650-Jahr-Feier der Stadt wurde rund um das Seidenweberhaus gefeiert. Diese besondere Atmosphäre ist Teil der Krefelder Identität – und das soll sie bleiben.

Was dagegen spricht stammt aus der Feder der Stadtverwaltung, und es sind eigentlich schon die Argumente, die 2023 dagegen sprachen. Die sind wirtschaftlicher Natur, und die seitdem verstrichenen drei Jahre haben sie eher erhärtet. In der Stellungnahme heißt es u.a.: Die Vorschläge von drei Krefelder Initiativen zum Erhalt des Seidenweberhauses sind aus Sicht der Stadtverwaltung fachlich irreführend und wirtschaftlich fragwürdig. Sie bieten keine taugliche Alternative zu dem vom Stadtrat bereits 2018 beschlossenen Abriss. Demnach bleibt der Umbau des Kesselhauses zur neuen Veranstaltungshalle die finanziell günstigste und städtebaulich attraktivste Lösung für eine Veranstaltungshalle, die unterschiedliche Anforderungen erfüllen muss.

Das historische Kesselhaus, eine Vision von der Zeit nach der Aufbereitung

„Falsche Zahlen werden nicht richtiger, indem man sie in regelmäßigen Abständen wiederholt“, sagt Bau- und Planungsdezernent Marcus Beyer in der Stellungnahme. „Wir haben immer wieder dargelegt, warum eine Sanierung des maroden Seidenweberhauses ein Fass ohne Boden wäre. Umgekehrt haben wir mit dem Kesselhaus eine architektonisch ansprechende und finanziell berechenbare Komplettlösung.“

Laut einem Gutachten der Firma ICG aus dem Jahr 2019 hätte eine Sanierung des Seidenweberhauses schon damals etwa € 81 Millionen gekostet. Diese Summe enthielt keinen Risikoaufschlag, keine Varianz aufgrund steigender Baukosten und keine Angaben zu den Kosten für eine Erneuerung der Veranstaltungstechnik. Im Jahr 2022 wurden diese Zahlen auf ihre Plausibilität geprüft, um den Posten Veranstaltungstechnik ergänzt und mit den üblichen Risikoaufschlägen für alte Bestandsgebäude versehen. Die realen Kosten für einen möglichen Baustart im Jahr 2029 wurden damals auf 170,8 Millionen Euro netto geschätzt – ohne Sanierung der Tiefgarage. Der Umbau des Kesselhauses durch einen Investor ist hingegen auf € 122,6 Millionen netto gedeckelt. Diese Lösung ist somit fast € 50 Millionen

günstiger als eine Sanierung des Seidenweberhauses – und böse Überraschungen  für den Etat der Stadt während der Bauzeit sind vertraglich ausgeschlossen

Ein Verzicht auf das Kesselhaus, wie von der Initiative gefordert, hätte zum einen eine Vertragsstrafe im zweistelligen Millionenbereich zur Folge, die durch die Stadt Krefeld ohne jede Gegenleistung zu entrichten wäre. Zum anderen wäre damit keines der vorhandenen Probleme gelöst. Denn das Anfang 1976 eingeweihte Seidenweberhaus ist baulich und technisch am Limit. Die Anlagen sind zwar in der Vergangenheit im Rahmen der Instandhaltung fortlaufend repariert worden, aber aufgrund des fortgeschrittenen Alters der Bauteile werden die eintretenden Schäden immer umfangreicher und lassen sich immer schlechter beheben. Auch genügen die Anlagen immer weniger den steigenden Anforderungen. Dies lässt sich auch am jährlichen Aufwand für Reparaturen und Gebäudeunterhaltung ablesen.

Der Weiterbetrieb im Seidenweberhaus ist nach Prüfberichten, die durch Sachverständige erstellt wurden, derzeit nur noch bis Ende 2027 gesichert – vorausgesetzt, die technischen Anlagen halten so lange durch. Ziel ist es, danach einen Weiterbetrieb bis zur Fertigstellung des Kesselhauses zu ermöglichen, sofern der bauliche Zustand dies zulässt. Eine Sanierung jedoch wäre keinesfalls im laufenden Betrieb möglich. Das Seidenweberhaus müsste gezwungenermaßen für mehrere Jahre geschlossen werden, so dass zu den Sanierungskosten noch die Finanzierung einer Ersatzspielstätte hinzugerechnet werden müsste.

Darüber hinaus listet bereits das ICG-Gutachten von 2019 Mängel der Veranstaltungsstätte auf, die sich auch durch eine Sanierung nicht beheben lassen. Dazu gehört die vertikale Organisation des Gebäudes, die Veranstaltungen erschwert. Auch andere Themen der räumlichen und logistischen Funktionalität wurden bemängelt, darunter die eingeschränkte Flexibilität der Nutzung, der wenig ansprechende Backstage-Bereich, die Schwierigkeiten bei der Anlieferung und die umständlichen Wegebeziehungen innerhalb des Gebäudes. Diese Nachteile ließen sich im Zuge einer Sanierung nur bedingt beheben.

Zudem beeinträchtige die Außenwirkung des Gebäudes eine städtebauliche Entwicklung auf dem Theaterplatz.

Das Kesselhaus hat industriekulturellen Charme und Atmosphäre Potential bei der Ansprache von Künstlern, Veranstaltern, Firmenkunden und nicht zuletzt wenn es darum geht Publikum zu gewinnen.

„Nach Bewertung aller Argumente, die seit rund zehn Jahren bekannt sind und immer wieder abgewogen wurden, ist der durch den Rat beschlossene Umbau des Kesselhauses eine wirtschaftlich vernünftige Lösung, die Krefeld auch als Stadt gut tun wird“, betont Marcus Beyer. „Wir sollten uns den Gefallen tun und Debatten nicht immer wieder von vorne beginnen – zumal sich an der Sachlage nichts geändert hat. Die schwierige Haushaltssituation der Stadt Krefeld ist im Gegenteil gerade ein Grund, den eingeschlagenen Weg jetzt schnell und konsequent fortzusetzen, weil alles andere deutlich teurer würde.“

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