Für den Niederrhein – der beginnt in Düsseldorf – ist vieles typisch: Das flache Land mit seinen Kirchtürmen, Kopfweiden an Bachläufen und schwarz-weißen Kühe auf den Wiesen, auch auf denen, die den Strom auf seinen Weg in die Nordsee begleiten.
Der Niederrheiner wie der Rheinländer lebt gesellig. Der Kölner genießt beim „Klönen“ sein Kölsch – was bekanntlich auch ein obergäriges ist, der Niederrheiner Alt, das sich in der Region wacker gegen Pils und Co. behauptet. Einige Großbrauereien und viele kleine, auch Hausbrauereien, halten die Tradition aufrecht und bedienen die Nachfrage. Wobei der Niederrhein quasi das Biotop für diese Sorte ist.
Bier wurde in Krefeld und Umgebung nachweislich seit dem Mittelalter gebraut – mit heutigen Bieren hatte das „Stöffche“ aber nicht viel gemein. Der älteste hiesige Nachweis stammt aus Uerdingen, wo 1255 der „Grüter „Henricus Fermentarius in Urkunden erwähnt wird
„Grüter“ mischten im Mittelalter Kräuter und Gewürze in das, was Bier war. Das durfte nicht jeder. Die Herstellung und der Verkauf oblagen einem landesherrlichen Recht. Es wurde an Städte und Privatleute verkauft oder verpachtet. Die Zusammensetzung der „Grut „variierte von Stadt zu Stadt, weshalb die Biere unterschiedlich schmeckten. Die Rheinstadt erhielt 1463 eine Art „Biermonopol“ vom Landesherrn, in dem Fall vom Kölner Erzbischof. Mit dem Verkauf waren Steuereinnahmen verbunden, die „Bierakzise“. Frei verkäufliches Bier sollte deswegen nur in der Stadt und nicht mehr im Umland produziert werden. Für das benachbarte Amt Linn, also Stadt und Umland, verfügte der Kölner Erzbischof 1496 ebenso ein Monopol und Steuern. Noch in der Mitte des 18. Jahrhunderts werden dort zehn Brauer aufgeführt, die zumeist einen eigenen Ausschank betrieben, und sie brauten nach dem Reinheitsgebot, das sich am bayerische Reinheitsgebot für Bier orienterte. Es stammt vom 23. April 1516, als es von den Herzögen Wilhelm IV. und Ludwig X. in Ingolstadt erlassen wurde und nur Wasser, Gerste und Hopfen erlaubte, um die Bierqualität zu sichern und Brotgetreide für das Backen zu reservieren. Obwohl die Regel ursprünglich nur in Bayern galt, wurde sie im Laufe der Zeit erweitert und ist heute als älteste Lebensmittelvorschrift der Welt bekannt, wobei Hefe später hinzugefügt wurde.
Die Brauer waren in der Regel wohlhabenden Bürgern. Ein urkundlicher Nachweis über das Brauen in Krefeld datiert Mitte des 16. Jahrhunderts. Der Landesherr, Graf Hermann von Neuenahr und Moers, bestätigt der Stadt ihre alten Rechte und eine Biersteuer. Eine Anzahl der Brauer für diese Zeit findet sich nicht, im 18. Jahrhundert lassen sich sechs Brauereien nachweisen. Eindeutige Angaben stammen aus 1819: In der Stadt existierten 39 und im Landbezirk 34 Brauereien, 1849 sollen es 99 Brauereien gewesen sein. Heute gibt es noch drei Braustätten.

In den mittelalterlichen Städten verschmutzten Fäkalien und Unrat nicht selten das Trinkwasser. Deswegen bevorzugte man Wein oder Bier. Letzteres galt im frühen Mittelalter als Grundnahrungsmittel, das „flüssige Brot“, das auch Kinder zu sich nahmen. Zumeist besorgten sich die Bürger im Mittelalter (bis 1500) und in der Frühen Neuzeit (bis 1789) ihr Bier in der Nachbarschaft. Zwischen 1,5 bis fünf Liter tranken sie pro Tag. Weil das Bier nicht gefiltert wurde, enthielt es mehr Nährstoffe und sättigte gerade die hart arbeitenden Menschen. Sie nutzten das Gebräu ferner zum Kochen, zum Beispiel für Biersuppen. Zudem durften die Christen während der über das Jahr verteilten Fastenzeiten Bier trinken – immerhin an 150 Tagen, an denen es kein Fleisch gab. Selbst Gefangene saßen am Niederrhein nicht bei Wasser und Brot, sondern bei Bier und Brot ein. Die Menschen waren aber nicht permanentalkohoisiert, wenn sie den ganzen Tag immerzu Bier tranken. Denn das alltägliche Bier besaß wenig Alkohol – abends wurde in den Gastwirtschaften allerdings stärkeres Gebräu ausgeschenkt.
Wie selbstverständlich Bier als Lebensmittel diente, lässt sich auch daran erkennen, dass die ortsansässigen „würdigen Armen“ regelmäßig Bier erhielten und zwar Dünnbier, manchmal auch Starkbier. Wobei das Dünnbier das alltägliche Bier war.
Als „würdige Arme“ wurden jene angesehen, die unverschuldet in Not geraten waren. Unter den „unwürdigen“ Armen verstand man fremde Bettler und Hausierer. Die „würdigen“ Armen besaßen für ihr Bier einige Fässchen, die sie sich beim sogenannten Provisor auffüllen ließen. Ein Provisor wurde für ein Jahr gewählt und die Ausübung galt als Qualifikation für das Bürgermeisteramt. Manchmal bekleidete der Bürgermeister, wie in Linn, das Ehrenamt selbst.
Für die Amtszeit 1662 des Krefelder Provisors und Wirtes Wilhelm Hülß existieren Zahlen: Die damals rund 20 Hausarmen erhielten im Schnitt jeder 200 Liter Bier im Jahr, wobei je Person die Menge nach oben beziehungsweise unten schwankte. Diese rund 4.000 Liter wurden aus der Armenkasse bezahlt.
Kranke bekamen umgehend vom Provisor einen Liter Starkbier geschickt. In Frankreich hat sich das bis heute gehalten. In den Krankenhäusern auf der Halbinsel Medoc wird zum Mittagessen immer ein halber Liter Wein serviert, wie der Redakteur dieser Zeilen vor einiger Zeit erleben durfte.
Das Brauen bildete übrigens keine Männerdomäne. In historischen Quellen werden immer wieder Brauerinnen aufgeführt, die als Witwen oder eigenständig einen Betrieb führten. Die manchmal unsichere Bierproduktion führte immer mal wieder zu gesundheitlichen Schäden – mit Folgen für die Brauerinnen. Sie wurden als Hexen bezeichnet, deren Schicksal meistens auf dem Scheiterhaufen endete. Am Niederrhein blieb Wein noch bis ins 16. Jahrhundert das Hauptgetränk.
Die „Kleine Eiszeit“ (sie dauerte circa 1200 bis 1550) machte dem Weinbau am Niederrhein den Garaus. Nur noch wenige Gastwirtschaften, welche die Traube im Namen oder Wappen tragen, existieren heute noch. Sie stammen aus einer Zeit, als es nicht so kalt war.
Bier fand in der Region seit dem immer mehr Zuspruch. Mit der Kombination Wasser, Gerstenmalz und Hopfen braute man eine erste Version des „Alt-Biers“. Die war hielt sich länger, was einen Export ermöglichte., wobei man wissen muss, dass das Ausland manchmal vor der Haustür anfing, Diese Form eines obergärigen Biers kam aus den Hansestädten, von denen es einige an der Nordseeküste. gab Am Niederrhein wehrten sich die Brauer gegen die Einfuhr des „ausländischen“ Bieres – es schmeckte den Menschen allerdings besser als das „Gruten“-Bier, weswegen sich das erwähnte Reinheitsgebot durchsetzte
Bei den Bieren von denen hier die Rede ist, handelte es um obergärige Biere. Bei dieser warmen Gärung setzt sich die Hefe oben ab, bei der untergärigen, kalten Gärung am Boden. Obergäriges Bier benötigt eine kürzere Gär- und Lagerzeit als das Untergärige. Die Behauptung, das „Alt-Bier“ habe seinen Namen wegen einer längeren Lagerzeit, stimmt nicht. Vielmehr handelt es sich um die ,,ältere Brauart“.
Das untergärige Gären kam im 15. Jahrhundert auf. Es war das Pils, das in Böhmen erfunden wurde und wohl in der dortigen Stadt Pilsen. Es sollte sich in den folgenden Jahrhunderten immer mehr durchsetzen – nur am Niederrhein hielt sich das Alt-Bier, wie es heißt, weil dort zu schlechte Kühlmöglichkeiten existierten. Das änderte sich um 1850, als Brauer begannen, ihre Keller mit Natureis zu kühlen. Aber auch das bot keine perfekte Basis, das Bier frisch zu halten Erst mit der Erfindung der Kühlmaschine 1871 konnte am Niederrhein problemlos untergäriges Bier gelagert werden. Mit der technischen Entwicklung im Brauereiwesen verbesserte sich die Qualität des „alten Biers“, und – so sagen Kenner – es ist bekömmlicher.
Quelle: Pressestelle der Stadt Krefeld